Kommentar: wer kennt heute noch einen Landwirt?

Es war einmal, vor langer Zeit, als noch jeder einen Bauern persönlich kannte oder selbst einer war. Heute sind es in Deutschland gerade einmal noch 1,6 % (Bayern: ca. 1,8 %) der erwerbstätigen Bevölkerung. Die Landwirte sind also eine Minderheit geworden. Und wie bei so vielen Minderheiten ist auch hier zu erkennen, dass die fehlenden Berührungspunkte Vorurteile hervorrufen. Der Bauer, der mit seinem riesigen Traktor über braune, öde Felder fährt und die Umwelt kaputt spritzt (hierzu bald mehr in einem extra Beitrag), ist ein gängiges Feindbild geworden. Fehlinformationen sind leider oft an der Tagesordnung und die exorbitant zunehmende Bürokratie tut ihr Übriges. Ich kann mittlerweile gut verstehen, dass Vielen die Lust vergeht.

Auf die Spitze getrieben wurde das hier in Bayern zuletzt mit dem Volksbegehren Artenvielfalt, das ziemlich einseitig die Landwirte in die Pflicht nehmen will, die Natur und Artenvielfalt zu retten („…weil die sie ja auch kaputt gemacht haben…“, war ein gängiges Argument der unterschreibenden Bevölkerung). Die Statistiken belegen, dass der prozentuale Anteil der Befürworter in reinen Stadtgebieten oft weitaus größer war als der der Landbevölkerung.

Nun könnte man sagen, dass da ja die Bauern wohnen, die eben größtenteils dagegen waren. Aber es gibt doch in Bayern überhaupt nur noch 1,8 % davon? Diese Rechnung geht nicht ganz auf. Könnte es daher vielleicht sein, dass die, die die Landwirtschaft tatsächlich noch vor der Tür haben, gar kein so schlechtes Bild davon haben? Und dass vielleicht der Bürger, der in der Stadt natürlich hauptsächlich grau in grau sieht, sich hier eigentlich gar nicht wohl fühlt und sich deshalb getrieben fühlte, etwas dagegen zu unternehmen? Aber sind dann wirklich die Landwirte die richtigen Adressaten?

Blicken wir noch einmal zurück in der Geschichte: die Städte und Vorstädte übten seit jeher große Anziehungskraft aus. Alles so nah, so bequem, man muss keine langen Wege mehr auf sich nehmen und hat das ganze Leben vor der Tür. Meist winkte da auch noch ein lukrativer Job, der Karriere, Geld und trotzdem Feierabend versprach, so dass die Landflucht ein immer größeres Thema wurde. Die kleinen Ortschaften mit ihren Tante-Emma-Läden starben aus und die großen Lebensmittelhandelsketten übernahmen bereitwillig die Rolle des „Ernährers“.

Mit kunstvoll aufbereiteten Werbemaßnahmen wird uns dort heutzutage der Traum von „echten“, ursprünglichen und gesunden Lebensmitteln vorgegaukelt und durch geschicktes Ausnutzen von gesetzlichen Spielräumen so mancher Chemiecocktail verschwiegen. Aber, ach, selbst wenn wir es wissen oder wissen sollten, oft ist es einfach so bequem, man bekommt dort ja alles, was man zum Leben braucht und spart so viel Zeit dabei!

Doch was sind die Konsequenzen? Die Nachfrage nach „alles haben wollen“ ist da und die Genuss- und Konsumlaune wird in unserer Wohlstandsgesellschaft stetig größer. Dennoch ist der Preis das Maß aller Dinge. Wenn man vor dem Regal steht und im Etikettendschungel ohnehin keinen Überblick mehr hat, was echt und was unecht ist, was gut und was schlecht und was nun überhaupt regional in diesem Fall bedeutet, dann greift man eben doch immer zur günstigsten Alternative und belohnt sein Gehirn mit der „guten“ Entscheidung, wenigstens nicht zu viel Geld ausgegeben zu haben.

Auf dem Land hingegen, wo die Lebensmittel produziert werden oder produziert werden sollten, steht der Landwirt im Kampf um die Preise vor der Entscheidung: gibt er auf, verpachtet seine Flächen und tingelt nun ebenfalls jeden Tag in die Stadt, um dort einem lukrativeren Job nachzugehen, der  ihm vielleicht den ein oder anderen wirklichen Feierabend beschert oder beugt er sich dem Preisdruck und vergrößert sich oder schließt sich mit anderen zusammen, um genügend produzieren zu können, damit eben die „Masse“ ihm die Existenz sichert?

Falls nun jemand an die schönen Bildchen auf den Plastikverpackungen der Lebensmittel denkt, wo doch der Bauer seine paar wenigen Kühe in sattem Grün weiden lässt und sich denkt „so geht es doch auch“: zum Einen gehören diese Bildchen oft zur den erwähnten Werbemaßnahmen und haben wenig mit der Realität zu tun. Zum Anderen: ja, so etwas gibt es vereinzelt schon trotzdem noch, aber die Regale wären um Einiges leerer (was ja gar nicht schlecht wäre, aber das ist ein anderes Thema…), wenn überall so produziert würde und das, was fehlt nicht billigst importiert werden würde (ebenfalls ein anderes Thema, das ich noch aufgreifen werde).

Und: eine solche Landwirtschaft kann der Bauer oft nur im Nebenerwerb stemmen, das heißt, er geht bereits einem Vollzeitberuf nach und investiert seine gesamte Freizeit in diese schöne Landwirtschaft, betreibt sie also quasi als Hobby. Seinen Lebensunterhalt könnte er damit schlichtweg nicht bestreiten.

Welcher Nichtlandwirt hingehen opfert auch nur eine Stunde seiner Freizeit, um der Natur, der Umwelt oder seinen Mitmenschen etwas Gutes zu tun? Auch hier regiert leider die Bequemlichkeit. Man will ja etwas ändern und helfen und mithilfe einiger schlimmer Bilder ist man dann oft gewillt, Unterschriften zu setzen oder zu spenden, aber wenn es darum geht, dass irgendjemand aktiv werden muss, ist es dann doch bequemer, die Ausführung anderen zu überlassen.

Hierin besteht meiner Meinung nach genau der Fehler. Die einzige Möglichkeit, wirklich etwas zu ändern, ist, wenn auch nur im Kleinen, selbst tätig zu werden und sich nicht immer nur auf die Politik und die anderen zu verlassen.

Das fängt bereits mit dem Griff zum altbewährten Einkaufskorb statt zur gekauften Plastiktüte an, geht damit weiter, wenigstes ab und zu mal auf dem Bauernmarkt oder beim Direktvermarkter einzukaufen und auch mal wieder – wie zu Omas Zeiten – Lebensmittel selbst zu verarbeiten und endet hoffentlich irgendwann darin, das gesamte Lebens- und Ernährungsmodell zu überdenken und dem Essen und deren ehrlichen Produzenten, nämlich den Bauern, wieder den Stellenwert im Geiste und im Geldbeutel einzuräumen, den sie verdienen.

Vielleicht wird sich dann – in Anlehnung an Kant – der Mensch, respektive Verbraucher, aus seiner zumindest mitverschuldeten Unmündigkeit befreien und den Fortschritt gemeinsam mit den Landwirten in eine gesellschaftlich akzeptierte Richtung lenken können. Mitmachen, nicht nur anprangern, ist die Devise!


Quellen:

https://www.ernaehrungs-umschau.de/print-news/15-02-2017-die-ernaehrungswelt-in-zahlen-ein-landwirt-ernaehrt-heute-155-menschen/

https://www.bauernverband.de/12-jahrhundertvergleich

https://www.die-deutschen-bauern.de/wissen

https://www.statistikdaten.bayern.de/genesis/online;jsessionid=CC859CDD1C5D052AB2741A471E762332?sequenz=tabelleErgebnis&selectionname=13312-001z

https://www.wahlen.bayern.de/volksentscheide/vob_rettet_die_bienen_vorl.htm

2 Antworten auf „Kommentar: wer kennt heute noch einen Landwirt?“

  1. Ich habe dir schon einen Kommentar auf Insta (Haaghaeusle) geschrieben. Nach meiner heutigen Erfahrung auf dem Wochenmarkt habe ich das Gefühl, als Verbraucher kann man oft was bewirken kommt aber auch an Grenzen. Die Masse macht es eben und wer möchte schon schuften wie die Landwirte, Gemüsegärtner…… für einen „Apfel und ein Ei“. Auch wenn es schwer zu begreifen ist nicht immer zählt ein Tropfen. Und doch ich werde weitersuchen und meinen garten so gut ich es kann bestücken und die natur hegen. Dir lieben Dank für deine Denkanstöße und liebe Grüße Edith

    1. Da stimme ich dir zu, es ist alles andere als leicht und oft doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn man sich als Einzelner bemüht. Aber vielleicht folgt der ein oder andere deinem Beispiel und lässt sich inspirieren, der sonst gar nicht darüber nachgedacht hätte. So kannst du vielleicht trotzdem das ein oder andere bewirken. Das ist zumindest meine Motivation 😉 Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar!

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